Im Café Central

Samstag, vor 9:00 Uhr, vor dem Café Central hat sich noch keine Schlange gebildet, wir packten die Gelegenheit beim Schopf und gingen hinein.

Gleich beim Eingang begegnet man Peter Altenberg, der an einem Tisch sitzend die Wiener Kaffeehausstimmung ausstrahlt, genau dort, wo ankommende Gäste warten müssen, der Platz wird angewiesen. Sehr angenehm, dadurch wird man von den den Trubel auslösenden, auf Platzsuche hin und her hirschenden Gästen verschont.

Die Küchenfee nahm ein Croissant, ich ein Café Central Frühstück, beide eine Melange. Wir hatten noch nichts gegessen.

Am Nachbartisch saß einer mit Laptop und Buch „10x is Easier Than 2x. How World-Class Entrepreneurs Achieve More by Doing Less“. Da will einer vorwärtskommen. Konzentriertes Arbeiten ist hier möglich, im Café Central wird man nicht gestört, trotz Menschenauflauf. (Vielleicht sollte ich mein Büro hierher verlegen.)

Ich bin heute ausnahmslos für Niemanden zu sprechen.

Peter Altenberg

Das Café Central verfügt über eine Auswahl an lokalen und internationalen Zeitungen, also griff ich zu und nahm mir die Neue Zürcher Zeitung. Es tut wohl, diese Zeitung zu lesen, abseits vom sonst herrschenden Trump-Bashing oder dem beliebten Orban-Lästern erfährt man hier, was es in der Welt Neues gibt, mit bedächtigen Kommentaren, die ausführlich den Hintergrund beleuchten; – wie passend zur entspannten Stimmung im Café Central.

Der Küchenfee hat es im Café Central gefallen und so kam sie mit dem Kellner ins Reden. Sie sagte, eigentlich hätte sie mich bestellen lassen sollen, weil ich bin ja hier der echte Wiener. Daraufhin erzählte der Kellner eine Anekdote. An einem Tisch mußte er auf Englisch und Deutsch reden. Eine Dame bemerkte, er könne ja besser Englisch als Deutsch. Der Kellner, der ein echter Wiener ist, erwiderte ruhig: Gnä‘ Frau, das war ja auch gar nicht deutsch, das war wienerisch.

Beim Zahlen nahmen wir Torten mit, eine Café Central Torte (Marzipan und Orange) und eine Altenberg-Torte (dreierlei Schoko-Mousse mit Sacherboden) und das Trio de Petit Fours. Es gab auch eine Johann-Strauß-Torte und eine Zwetschken-Nougat-Schnitte, die bleiben fürs nächste Mal. Aber ob’s ein Wiedersehen gibt, ist fraglich, die touristische Schlange verleidet‘s uns. Das kleine Büchlein über das Café Central wollten wir auch haben. „Nehmen S‘ Ihnen gleich zwa, die sind gratis“, sagte der Kellner zum Abschied.


2026 feiert das Café Central seinen 150. Geburtstag.


Massentourismus war 1955 schon ein Phänomen. Hans Blumenberg hatte damals einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung verfaßt, in dem er schrieb:

Der Reisende, das wird immer deutlicher, fährt nicht aus, um dieses oder jenes zu sehen, zu erleben, kurz: um da und dort zu sein, sondern er fährt aus, um, ebenso kurz: da und dort gewesen zu sein.“

Zitiert nach Rüdiger Zell: Hans Blumenberg, Der absolute Leser, Eine intellektuelle Biographie, Suhrkamp, 2020, S. 185


Angesichts der Schlange vor dem Café ´Central gewärtigt man, daß manch einer nur schnell hinein will (und wieder heraus), um ein weiteres Stück seinem Sammelsurium an Präparaten einzuverleiben.

Fotos und Text © 2026 https://kuechenereignisse.com


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Von Küchenereignisse

In einer kleinen Kuchl verarbeitet die Hofköchin landwirtschaftliche Erzeugnisse, vorzugsweise aus unserem Landstrich. Dabei fallen regelmäßig Küchenereignisse an, über die wir auf diesem Blog berichten. Küchenereignis, das; -ses, -se: außergewöhnliches Ereignis, das mit schöner Regelmäßigkeit in der Küche anfällt.

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